Heute möchte ich mir selber etwas schenken. Dieses Geschenk soll mich von den Menschen befreien, die mir in direkter oder indirekter Weise sagen, dass ich so wie ich bin nicht gut bin. Nicht wegen meiner Persönlichkeit, sondern wegen meiner Herkunft.
Ich sehe, dass es in Deutschland im Moment eine #blacklivesmatter Debatte gibt. Es ist gut, dass diese Debatte geführt wird und die Bewegung macht mir Mut mich zu äußern auch wenn ich mich nicht dazugehörig fühle, denn ich bin nicht schwarz. Natürlich sind die Probleme, die Menschen mit schwarzer Hautfarbe in Deutschland haben, wichtig. Ich denke aber, dass das eigentliche Problem ein größeres ist: Deutschland hat ein allgemeines Problem mit denjenigen Einwohnern, die ausländische Wurzeln haben.
Während der ersten großen Migrationswelle in der Nachkriegszeit sind die sogenannten „Gastarbeiter“ gekommen. Die meisten von ihnen waren nicht schwarz. Viele von diesen Menschen, ihre Kinder, Enkel und Urenkel bilden heute einen großen Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Viele von ihnen haben unter Rassismus zu leiden und viele sind durch Rassismus gestorben. Insofern ist die Debatte #blacklivesmatter nicht repräsentativ für das Rassismusproblem, das wir in Deutschland haben. Mir wäre es lieber, wenn man in Deutschland einen Begriff wie #migrantslivesmatter gewählt hätte und sich nicht auf eine bestimmte Gruppe von Minderheiten beschränkt hätte.
Ich bin in Deutschland geboren und habe Deutschland im Alter von 12 Jahren verlassen. Es gab einige Auslöser dafür, die ich hier in Stichpunkten erwähnen möchte:
- Als ich aufs Gymnasium kam, habe ich sehr schnell Freunde gefunden. Viele Freundschaften hielten leider nur kurz, weil die Eltern es nicht gern sahen, wenn ihre Kinder mit einer Ausländerin, noch dazu aus einer muslimischen Familie, befreundet waren.
- Es gab deutsche Freunde, die sich gar nicht mit uns unterhalten durften.
- Es gab Diskriminierung seitens meiner Lehrer.
- Es gab Beleidigungen durch die Nachbarn
- Mit 9 oder 10 wurde ich im Schulbus geschlagen, weil ich Ausländerin war. Meine deutschen Mitschüler und der Busfahrer haben nur zugesehen.
Ich könnte diese Liste noch lange weiterführen und viele Seiten damit füllen. Aber halten wir es mal kurz, damit ihr nicht auch traumatisiert werdet. Eins ist sicher: Ein 12 jähriges Kind verdient ein besseres Leben.
Ich war ein sehr fleißiges und ehrgeiziges Kind. Denn ich wollte mich beweisen. Ich wollte zeigen, dass wir auch was können und nicht nur die Deutschen. Doch irgendwann ging es mir immer schlechter. Das Trauma war so groß, dass ich meinen Vater darum bat, dass wir zurück gehen sollen. „Zurück“ – Eigentlich war dieser Ausdruck komplett falsch. Zurück wohin? Ich war doch in Deutschland geboren worden… doch ich fühlte mich nicht zugehörig und ich denke, so geht es vielen andere Menschen auch heute noch.
Ungefähr 20 Jahre später – ich war noch immer in der Türkei – verliebte ich mich in einen Deutschen und kam für ihn schließlich wieder nach Deutschland. Aufgrund meiner Erfahrungen in den 80er Jahren hatte ich Bedenken, aber ich kam trotzdem – der Liebe wegen und weil ich dachte, dass sich doch sicher auch viel verändert haben müsste.
Als ich dann in Deutschland ankam, war es Neuland und doch auch etwas bekannt. Die Sprache hatte ich zum großen Teil verlernt. Die Kultur, von der ich mich schon in meiner Kindheit abgelehnt fühlte, war ein Kulturschock. Ich war enttäuscht. War das der Westen von den man in der Türkei noch immer schwärmt? Irgendwas war falsch hier. Bei uns wird zu Europa aufgeschaut. Viel mehr als ein Kontinent ist Europa eine Lebensweise, die es zu erreichen gilt. Daher studieren in unseren Ländern Menschen und gehen dann mit der Hoffnung auf ein besseres Leben in den Westen.
Das Deutschland, das ich nach meiner Rückkehr erlebte entsprach diesem Ideal nicht. Es konnte doch nicht wahr sein, dass sich Deutschland so wenig entwickelt hatte. Ich dachte, was habt ihr in den letzten 20 Jahren nur gemacht? Und nun – nachdem ich bereits einige Jahre wieder hier lebe – kann ich sagen: Es ist immer noch so.
Der alltägliche Rassismus ist unverändert ein Problem. Wenn man darüber redet, reden viele Deutsche die Gefühle ihrer ausländischen Mitmenschen und den Alltagsrassismus klein. Man hört dann auf darüber zu sprechen und regt sich nur noch innerlich auf. Ich habe Sprüche gehört wie „Sind Sie so erfolgreich, weil Ihr Klient denkt, dass Ihr Bruder und Vater ggf. eine Gefahr für sie sein kann?“. Das steckt man dann einfach in sich rein und lächelt dabei sogar. Eigentlich will man sagen, „Klar, ich kann ja nicht aufgrund meiner Kompetenz erfolgreich sein, weil ich ja keine Deutsche bin.“ So läuft es auf der Arbeit. Wenn Sie laut sagen, dass sie Moslem sind, dann ändert sich das Verhalten Ihrer KollegInnen. Denn man kann ja nicht modern, intellektuell, erfolgreich und gleichzeitig ein muslimischer Ausländer sein.
Unsere Herkunftsländer mögen zum Teil nicht liberal und modern sein aber vieles davon ist auch einfach nur Politik oder Populismus. Viele der Menschen dort haben sich trotz ihrer Regierungen entwickelt und sind oft weit moderner und liberaler als man denkt. Natürlich gibt es auch dort schlechte Pflaumen, aber es sind auch nicht mehr als im Westen.
Um uns den Alltag zu erleichtern machen „wir“ Ausländer viel Satire über unsere Situation in Deutschland. Wörter wie „Kanacke“ fallen hin und wieder. Dann kommt der liebe linke Hans und belehrt mich, dass das diskriminierend sei und ich so ein Wort als Führungskraft nicht sagen darf. Sorry Hans, aber ich glaube, du bist die letzte Person die mich da belehren sollte. Geh und belehre doch bitte deine versteckten KollegInnen, die auf links tun aber innerlich immer noch rechts sind. Ich erlebe in meinem Alltag den Rassismus und darf mich auch darüber lustig machen. Denn sobald ich darüber ernste Wörter fallen lasse, sagst du mir, dass es überall auf der Welt Rassismus gibt. Damit redest Du meine Sorgen und mein Leid klein. Irgendwo muss ich aber meinen Ausgleich finden und das klappt für mich durch reden besser als durch Feierabendbier.
Insgesamt ist es schwer sich als Ausländer in diesem Land zu beweisen. Es wird erwartet, dass sie Fehler machen. Manchmal wird auch nach Fehlern gesucht. Setzt ja nicht das Komma an die falschen Stellen! Denn dann werdet ihr abgestempelt und euer Arbeitgeber nutzt das gegen euch aus. Ihr könnt nicht aufsteigen. Das Komma steht im Weg. Ach, Hans hat auch Probleme mit der korrekten Grammatik? Kein Problem, der wird trotzdem befördert! Als Ausländer steht man unter besonderer Beobachtung. Also setz ja nicht die enge Kapuze auf, sonst wird der Moslem in dir thematisiert.
So fühlt man sich als ein „nicht Deutscher“. Ich habe mir immer gewünscht, dass mich die Deutschen in meiner Umgebung mal unterstützen, wenn ich auf Facebook über NSU oder Rassismus schreibe. Doch leider waren sie immer nur still. Doch trotz dieser Stille möchte ich mir selber an meinem Jahrestag dazu gratulieren, dass es mich gibt. Egal wie erfolgreich man ist oder wie reich man ist, wird man in Deutschland als Ausländer vielleicht doch nie vollständig akzeptiert. Doch ich bin gut so wie ich bin. Auch wenn ich eine Ausländerin bin. Ich mache meinen Job sehr gut, bin ein freundlicher und hilfsbereiter Mensch. Ich versuche ein guter Mensch zu sein auch wenn es mir immer nicht gelingt. Wenigstens weiß ich, wo es lang geht und das zählt. Ich möchte meinen gleich gesinnten Menschen sagen: Schämt euch nicht dafür wer ihr seid. Versucht einfach ein guter Mensch zu sein.
Alles Gute zum Geburtstag liebe filizofy !
Bleib so wie du bist!