Über alte Rollen, fehlende Parteinahme und körperliche Folgen
Lucia wächst in einer Familie auf, die stark patriarchalisch geprägt ist. Obwohl der Altersunterschied zwischen den Geschwistern gering ist, wird der jüngere Bruder früh bevorzugt. Der Sohn wird geschützt, die Tochter kontrolliert. Die Mutter begegnet Lucia mit Strenge und hohen Erwartungen, emotionale Nachsicht ist selten. Der Vater verhält sich lange distanziert, richtet seine Loyalität jedoch zunehmend auf den Sohn aus – insbesondere nachdem Lucia ins Ausland geht. Nähe bleibt dort, wo das bestehende Gefüge nicht infrage gestellt wird.
Aus familiensystemischer Sicht handelt es sich um eine geschlechtsspezifische Rollenverteilung, wie sie in patriarchalen Systemen häufig vorkommt: Töchter übernehmen Verantwortung, Anpassung und Selbstkontrolle, während Söhne mehr Rückhalt erfahren. Diese Rollen sind nicht individuell gewählt, sondern strukturell verankert. Sie prägen langfristig, wessen Wahrnehmung ernst genommen wird – und wer sich erklären muss.
Für Lucia bedeutet das: Wenn sie Probleme anspricht, werden diese häufig personalisiert. Nicht der Inhalt steht im Vordergrund, sondern ihre Motive. Ihre Wahrnehmung wird relativiert, Konflikte werden umgedeutet. Forschung zur Familiendynamik zeigt, dass solche Muster das Risiko für chronische Selbstzweifel und emotionale Erschöpfung erhöhen – insbesondere, wenn sie im Erwachsenenalter fortbestehen.
Die Wiederholung in der Partnerschaft
In ihrer späteren Partnerschaft begegnet Lucia einem Mann, der großen Wert auf Rationalität und Meinungsvielfalt legt. Er betont, wie wichtig es sei, dass Menschen unterschiedlich denken. Unterschiedliche Perspektiven, Neutralität, Ausgewogenheit.
Grundsätzlich ist das richtig. Problematisch wird es dort, wo dieses Prinzip systematisch über die Bindungsebene gestellt wird.
Wenn Lucia Belastung äußert, folgt Analyse.
Wenn sie Unterstützung sucht, folgt Differenzierung.
Wenn sie verletzt ist, folgt Neutralität.
Psychologisch betrachtet handelt es sich hierbei nicht um Neutralität, sondern um prinzipienbasierte Distanzierung. In der Beziehungsforschung gilt emotionale Parteinahme in Belastungssituationen als Schutzfaktor. Unterstützung bedeutet nicht, immer recht zu geben, sondern zunächst Verbundenheit herzustellen, bevor man differenziert. Bleibt diese Parteinahme aus, entsteht Bindungsunsicherheit – nicht wegen unterschiedlicher Meinungen, sondern wegen fehlender Zugehörigkeit.
Für Menschen mit früheren Erfahrungen von Ungleichbehandlung wirkt dieses Muster besonders belastend. Alte Rollen werden reaktiviert: Die eine erklärt, während andere geschützt werden. Nicht aus bösem Willen, sondern aus erlernten Strukturen.
Krankheit als Verstärker – nicht als Ursache
Parallel zu diesen Beziehungserfahrungen verändert sich Lucias gesundheitliche Situation über Jahre hinweg. Sie leidet unter chronischen Schmerzen, entzündlichen Prozessen ohne klare Ursache, hormonellen Umstellungsphasen, ausgeprägter Erschöpfung und erhöhter Infektanfälligkeit. Der Alltag ist nur noch mit häufigen Ruhephasen zu bewältigen. Diese Beschwerden sind medizinisch real, körperlich wirksam und nicht psychosomatisch im Sinne von „eingebildet“.
Aus medizinischer und gesundheitspsychologischer Sicht ist diese Entwicklung als Wechselwirkung zu verstehen: Chronischer psychosozialer Stress verursacht diese Erkrankungen nicht, kann sie jedoch nachweislich verstärken, chronifizieren und schwerer regulierbar machen. Anhaltende Stressbelastung wirkt auf das Stressreaktionssystem, die Immunregulation und entzündliche Prozesse ein – messbar und biologisch erklärbar.
Besonders relevant ist dabei die Qualität enger Beziehungen. Studien zeigen, dass fehlende emotionale Unterstützung, wiederholte Relativierung von Belastung und das Infragestellen der eigenen Wahrnehmung physiologische Stressreaktionen erhöhen. Für Lucia bedeutet das: Nicht nur der Körper ist belastet, sondern das gesamte Regulationssystem steht unter Daueranspannung. Krankheit wird dadurch nicht „psychisch“, sondern körperlich schwerer tragbar.
Wenn alles zusammenkommt
Eine Familie, die nicht trägt.
Eine Partnerschaft, die erklärt, aber nicht schützt.
Ein Körper, der nicht mehr kompensiert.
In dieser Konstellation ist der Wunsch nach Rückzug kein Zeichen von Schwäche, sondern eine Selbstschutzreaktion. Der Wunsch nach Unterstützung ist kein Anspruch auf Recht haben, sondern ein Bedürfnis nach Sicherheit – besonders bei chronischer Erkrankung.
Diese Geschichte steht exemplarisch für viele Menschen, die sich fragen, warum sie sich trotz aller Rationalität immer wieder allein fühlen. Manchmal liegt die Antwort nicht in der eigenen Empfindlichkeit, sondern in der Wiederholung alter Rollen in neuen Beziehungen.
Infobox: Warum das nicht psychosomatisch ist
Die beschriebenen Erkrankungen sind körperlich real und medizinisch relevant. Psychosozialer Stress verursacht sie nicht, sondern wirkt als Verstärker und Chronifizierungsfaktor. Die zugrunde liegenden Mechanismen sind biologisch messbar (Stresshormonregulation, Immunantwort, Entzündungsaktivität). Fehlende emotionale Unterstützung erhöht nachweislich die physiologische Stressbelastung und erschwert die Krankheitsregulation.
Kurz gesagt:
Nicht „die Psyche macht krank“, sondern ein überlastetes biologisches System wird unter ungünstigen sozialen Bedingungen schlechter regulierbar.