Meryem und Maria

Ich, Meryem –

meine Heimat liegt

wo der Tag im Olivenhain ruht.

Ich, Meryem –

die zierliche Tochter der Ägäis.

Der Name meiner Großmutter

lebt weiter in mir.

Nicht nur als Wort,

sondern als Welt.

In ihren Liedern,

in ihrem Brot,

in der Sprache,

die mein Herz zuerst verstand.

Meine Wurzeln –

kein Gewicht,

sondern Richtung.

Meine Stärke:

die Toleranz.

Nicht gelernt,

sondern geerbt –

aus Geschichten am Herd,

aus Händen, die nicht strafen,

sondern halten.

Der Wind brachte mich hierher,

verfolgt von Wölfen in Uniform.

Jetzt nenne ich mich Maria –

denn die Angst ist stärker als ich.

In meinem Hinterkopf:

Geschichten wie Solingen.

Ich höre die Stimmen

aus der Mitte der Gesellschaft:

„Das sind doch übertriebene Metaphern!“

„Sei kein Opfer!“

Vor Hanau,

vor Solingen,

vor den Körpern,

die Akten wurden –

klangen diese Sätze

ganz genauso.

Ich, Maria –

verloren im Fluss

aus Eisen und Reue.

Trotzdem fremd.

Trotzdem nicht zugehörig.

Denn ich – als ich – bin unerwünscht.

Meryem wollte Maria umarmen.

Maria kannte Meryem nicht.

Zwei Namen.

Ein Körper.

Keine Ruhe.

Aber ich bin hier.

Ich bestehe.

Und ich werde nicht leise sein.

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